WAR ES LIEBE?
DAS BRAUTPAAR

Die Hochzeit mit Europa

Perfekt inszeniert und politisch clever: Die Traumhochzeit in Dresden sollte Sachsen mehr Macht verschaffen. Und natürlich vor allem Glanz verbreiten.

Wenn heute Töchter oder Söhne europäischer Königshäuser vor den Altar treten, wird der Pomp groß inszeniert. Die Zeitungen und Illustrierten sind voll davon, die Einschaltquoten bei den Fernseh-Übertragungen hoch. Die digitale Welt platzt vor Bilderlust. Immer noch genießt das Publikum staunend den Glanz und die schönen Traumkulissen.

 

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Was vor 300 Jahren in Sachsen stattfand, lässt allerdings heutige Vermählungen von sogenannten Hochwohlgeborenen aussehen wie ein Erntedankfest. Als 1719 die Hochzeitsparty des 23-jährigen sächsischen Kurprinzen Friedrich August mit der 20-jährigen österreichischen Erzherzogin Maria Josepha in Dresden stattfand, geriet die Elbestadt in einen wochenlangen Ausnahmezustand.

Die eigentliche Heirat hatte bereits am 20. August ohne viel Aufhebens in der Kapelle der Favorita in Wien stattgefunden. Die große Flitterfete indes lief vom 2. September bis zum 12. Oktober in der sächsischen Residenz ab.

Das Volk staunte damals ebenfalls, aber gehörte vor allem zur Prachtparade dazu, stand geordnet Spalier oder musste als Komparserie beim Festgelage mitspielen. Vorher durften sich die Untertanen gratis betrinken, denn sie sollten recht heiter gucken und den Zinnober lustig finden. Eine Bürgermiliz bekam zudem die Aufgabe, lauernde Bettler vor den Toren der Residenz abzuwimmeln, damit die Unterschicht den schönen Schein der prächtigen Haupt- und Staatsaktionen nicht störte.

GANZ EUROPA SCHAUTE NEIDISCH AUF DAS FEIERNDE SACHSEN

Ganz Europa schaute während der tollen Tage neidisch auf das Kurfürstentum Sachsen, in dem August der Starke, der Vater des Kurprinzen regierte und alles dirigierte. Der Kurfürst liebte den Glanz, Kunst, erotische Abenteuer und neigte zur Leibesfülle, vor allem jedoch setzte er seine allumfassende Machtposition durch. Er verstand sein Sachsen nicht als lächerlichen Kleinstaat eines Provinzfürsten, sondern als europäische Großmacht, die kulturell, wirtschaftlich und militärisch voranschreiten sollte. Als Mittel zum Zweck diente ihm zum einen, sich vom sächsischen Kurfürsten zum König von Polen zu erheben, vor allem aber strebte er danach, die römisch-deutsche Kaiserkrone nach Sachsen zu holen. 1711, als er nach dem Tod Kaiser Josephs I. das Reichsvikariat innehatte, sah er dafür die beste Chance. Doch die höchste Insigne christlicher Herrscher blieb den Habsburgern vorbehalten. So hoffte August der Starke, mit der Vermählung seines Sohnes mit der Kaisertochter, dem Nachwuchs gelängen eines Tages, was ihm verwehrt blieb.

DIE JUNGE EHE SCHLOSS EINE WICHTIGE ALLIANZ MIT ÖSTERREICH

Die Hochzeitsfeier vor 300 Jahren funktionierte nicht zuletzt als grandioses Marketing, um das Land als Teil eines europäischen Adelsverbundes zu präsentieren. Selbstredend steckten dahinter Machtansprüche, aber zugleich ein Verständnis für das kontinentale Zusammenspiel. Frankreich, Polen, Preußen, Russland, Österreich und Schweden standen sich mal als Feinde, mal als Verbündete gegenüber. Sachsen geriet dabei oft genug in die Schusslinie und verlor jeden Krieg. Die Ehe der jungen Blaublüter dagegen schloss eine Allianz mit Österreich, um sich unter anderem gegen das aggressiver werdende Preußen abzusichern. Der unterschiedliche Einfluss der europäischen Konkurrenten auf Sachsen war nicht zu übersehen und prägte das Land in ganz unterschiedlicher Weise.

Schon als Neunzehnjähriger reiste August der Starke während seiner Kavaliersreise durch Frankreich, Spanien, Portugal und Italien, ließ sich von Handwerk, Architektur, Kultur und Lebensweisen inspirieren. Er verstand es, sich des europäischen Wissens und der Kunst zu bedienen, um Sachsen zu einem angesehenen Land zu entwickeln. Insbesondere Venedig mit seinem Wasserlauf und den angrenzenden Palästen brachte ihn auf den Gedanken, im heimischen Dresden aus der Elbe eine Pracht- und Triumphstraße zu entwickeln, an der sich seine Schlösser wie eine Perlenkette reihen sollten. Frankreichs absolutistischen Regimes von Ludwig XIV. eiferte der Sachsenkurfürst nach, um ebenfalls sonnengottgleich herrschen zu können.

Die glamouröse Hochzeitsfeier startete übrigens in Pirna, wo der Gatte seine Braut in einer Buccentauro, die Replik einer venezianischen Staatsgondel, empfing. In Begleitung anderer Prunkschiffe schipperten sie mit Musik, die von sechs Obristen und zwei Hornbläsern intoniert wurde, in das barocke Dresden ein. Extra für das Fest ließ der Fürstvater in der Residenz das Opernhaus bauen und den Zwinger fertigstellen. Die Partylounge der Wettiner gilt als Zeugnis feinster barocker Architektur, inspiriert von italienischen Baumeistern. Festkultur, Architektur und Anspruch an Besonderes gehören bis in die Gegenwart zur Sachsen-DNA.

Der Sohn Augusts des Starken scherte sich zwar nicht so sehr um die politischen Verhältnisse und sein Vater-Land geriet nie zur Großmacht. Aber er vermehrte mit gutem Geschmack die Kultur und entwickelte Sachsen, im guten Einvernehmen mit seiner österreichischen Frau, zu einer Schatzkammer von europäischer Dimension.

Von Peter Ufer

War es wirklich Liebe?

Die vielbesungene große Liebe war Sachsens Regenten August dem Starken egal, als er seinem Sohn die Frau fürs (Herrscher)Leben aussuchte. Es ging um Macht. Um Ansehen. Das zeigte schon die „Traumhochzeit des Jahrhunderts“ in Dresden. Als sich beispielsweise zum Merkurfest – einem der legendenumwobenen Planetenfeste im Rahmen der Hochzeitswochen – die Gäste als Franzosen, Indianer, Perser, Chinesen, Afrikaner, Russen oder auch Türken kostümieren mussten, sollte das zum Signal werden: Sachsen als Mittelpunkt der Welt, mindestens Europas …

 

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Aber, um dennoch der Sehnsucht nach Romantik Genüge zu tun: Es wurde letztlich doch die große Liebe zwischen Friedrich August und seiner Maria Josepha. Denn anders als sein in amourösen Affären bewanderter Vater soll Friedrich August treu durch all die Ehejahre gegangen sein; immerhin 15 Kinder bekam das Paar. Elf davon wurden erwachsen. Es ist also doch noch eine schöne, eine romantische Geschichte um eine große blaublütige Liebe.

 

Wiener Blut für Sachsen

Maria Josepha von Österreich wurde 1699 in Wien als älteste Tochter des Kaisers Joseph I. geboren – und war von Sachsenherrscher August dem Starken schon als kleines Mädchen als künftige Frau seines Sohnes ausgesucht worden. Ihre Leidenschaft waren Kultur und Kunst, was sie mit ihrem Gatten gemeinsam hatte. Sie starb 1757 in Dresden.

 

Beliebter König

Ein bisschen verwirrend sind die Zahlen: Friedrich August ist als Kurfürst der II. von Sachsen, als polnischer König jedoch August III. Seit er 1733 die Regentschaft übernahm, wurde er aber in jedem Fall bei Sachsen und Polen beliebter Herrscher, der sich jedoch zu sehr auf Premierminister Brühl verließ, der Sachsen finanziell in den Ruin führte.

Sachsen und Österreich heute

Sachsen und Österreich, diese Verbindung war es, die August der Starke 1719 bei der Traumhochzeit im Blick hatte. Und noch heute verbindet beide Länder eine Menge.

Österreich und Sachsen, ein starkes Duo, das im europäischen Gefüge zu einem großen Akteur wird. Das war jedenfalls die Idee des umtriebigen Sachsenherrschers August des Starken, als er 1719 seinen Sohn mit der Habsburger Kaiser-Tochter vermählte.

 

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Und heute? 300 Jahre nach dieser Traumhochzeit in Dresden? Heute sorgt zum Beispiel die Sächsische Staatskapelle alljährlich für musikalischen Glanz in Salzburg, bei den dortigen Osterfestspielen. Aber auch wirtschaftlich sind sich Sachsen und Österreich sehr nah, wie ein Blick ins aktuelle Statistische Jahrbuch Sachsens zeigt: Von den rund 42 Milliarden Euro Exporten der sächsischen Wirtschaft gehen rund 1,35 Milliarden nach Österreich. Eine Steigerung zum Vorjahr um rund 150 Millionen Euro! Somit werden also über 3,4 Prozent aller sächsischen Exporte nach Österreich geliefert, das damit wichtiger Außenhandelspartner ist. Beim Import machen österreichische Produkte mit rund 1,2 Milliarden Euro sogar fünf Prozent aller nach Sachsen eingeführten Waren aus.

Auch, um diese Wirtschaftskontakte weiter auszubauen, gibt es seit nunmehr 15 Jahren wieder ein österreichisches Honorarkonsulat in Sachsen. Im Coselpalais, neben der Frauenkirche in Dresden, weht seither wieder die österreichische Flagge. Mit dem Anschluss Österreichs 1938 an Hitler-Deutschland war das Konsulat aus Dresden verschwunden. 66 Jahre später, 2004, kehrte es zurück. Und betreut nun auch die rund 2.000 Österreicher, die in Sachsen leben. Überhaupt ist Sachsen bei den Österreichern beliebt. Als Urlaubsland beispielsweise. Rund 70.000 Besucher reisen alljährlich aus der Alpenrepublik nach Sachsen. Damit sind die Österreicher, neben Schweizern und Polen, die hier am häufigsten gesehenen Gäste. Nur Niederländer und Touristen aus den USA stehen derzeit mit jeweils rund 77.000 Besuchern ein bisschen weiter oben in der Statistik.

Demnächst könnten die Hauptstädte Wien und Dresden übrigens noch ein Stück enger zusammenrücken. Auch ohne eine erneute Traumhochzeit. Ein nicht minder spektakuläres Projekt könnte helfen, die 369 Kilometer Luftlinie zwar nicht kürzer, aber schneller zurücklegbar werden zu lassen. Nachdem Anfang der 1990er Jahre und dann noch einmal 2006 die Idee aufgenommen war, die geplante Magnetschwebebahn Transrapid Hamburg-Berlin über Dresden nach Prag und Wien zu verlängern, liegt nun ein Projekt einer neuen, schnelleren Eisenbahnverbindung Dresden-Prag auf dem Tisch, deren wesentlicher Teil ein 16 Kilometer langer Tunnel durchs Erzgebirge ist. Und anders als der zu den Akten gelegte Transrapid könnte diese Strecke Realität werden. Aber einige Jahrzehnte dürfte das noch dauern.

Schneller war da ein Österreicher, der vor zehn Jahren eine Traumhochzeit in Sachsen feierte. Eine sportliche. Das Brautpaar – ein österreichischer Getränkehersteller und ein sächsischer Fußballverein –  spielt als RB Leipzig erfolgreich in der Fußball-Bundesliga und der Champions League.

Von Jens Fritzsche

GANZ EUROPA SCHAUTE NEIDISCH AUF DAS FEIERNDE SACHSEN

Ganz Europa schaute während der tollen Tage neidisch auf das Kurfürstentum Sachsen, in dem August der Starke, der Vater des Kurprinzen regierte und alles dirigierte. Der Kurfürst liebte den Glanz, Kunst, erotische Abenteuer und neigte zur Leibesfülle, vor allem jedoch setzte er seine allumfassende Machtposition durch. Er verstand sein Sachsen nicht als lächerlichen Kleinstaat eines Provinzfürsten, sondern als europäische Großmacht, die kulturell, wirtschaftlich und militärisch voranschreiten sollte. Als Mittel zum Zweck diente ihm zum einen, sich vom sächsischen Kurfürsten zum König von Polen zu erheben, vor allem aber strebte er danach, die römisch-deutsche Kaiserkrone nach Sachsen zu holen. 1711, als er nach dem Tod Kaiser Josephs I. das Reichsvikariat innehatte, sah er dafür die beste Chance. Doch die höchste Insigne christlicher Herrscher blieb den Habsburgern vorbehalten. So hoffte August der Starke, mit der Vermählung seines Sohnes mit der Kaisertochter, dem Nachwuchs gelängen eines Tages, was ihm verwehrt blieb.

DIE JUNGE EHE SCHLOSS EINE WICHTIGE ALLIANZ MIT ÖSTERREICH

Die Hochzeitsfeier vor 300 Jahren funktionierte nicht zuletzt als grandioses Marketing, um das Land als Teil eines europäischen Adelsverbundes zu präsentieren. Selbstredend steckten dahinter Machtansprüche, aber zugleich ein Verständnis für das kontinentale Zusammenspiel. Frankreich, Polen, Preußen, Russland, Österreich und Schweden standen sich mal als Feinde, mal als Verbündete gegenüber. Sachsen geriet dabei oft genug in die Schusslinie und verlor jeden Krieg. Die Ehe der jungen Blaublüter dagegen schloss eine Allianz mit Österreich, um sich unter anderem gegen das aggressiver werdende Preußen abzusichern. Der unterschiedliche Einfluss der europäischen Konkurrenten auf Sachsen war nicht zu übersehen und prägte das Land in ganz unterschiedlicher Weise.

Schon als Neunzehnjähriger reiste August der Starke während seiner Kavaliersreise durch Frankreich, Spanien, Portugal und Italien, ließ sich von Handwerk, Architektur, Kultur und Lebensweisen inspirieren. Er verstand es, sich des europäischen Wissens und der Kunst zu bedienen, um Sachsen zu einem angesehenen Land zu entwickeln. Insbesondere Venedig mit seinem Wasserlauf und den angrenzenden Palästen brachte ihn auf den Gedanken, im heimischen Dresden aus der Elbe eine Pracht- und Triumphstraße zu entwickeln, an der sich seine Schlösser wie eine Perlenkette reihen sollten. Frankreichs absolutistischen Regimes von Ludwigs XIV. eiferte der Sachsenkurfürst nach, um ebenfalls sonnengottgleich herrschen zu können.

Die glamouröse Hochzeitsfeier startete übrigens in Pirna, wo der Gatte seine Braut in einer Buccentauro, die Replik einer venezianischen Staatsgondel, empfing. In Begleitung anderer Prunkschiffe schipperten sie mit Musik, die von sechs Obristen und zwei Hornbläsern intoniert wurde, in das barocke Dresden ein. Extra für das Fest ließ der Fürstvater in der Residenz das Opernhaus bauen und den Zwinger fertigstellen. Die Partylounge der Wettiner gilt als Zeugnis feinster barocker Architektur, inspiriert von italienischen Baumeistern. Festkultur, Architektur und Anspruch an Besonderes gehören bis in die Gegenwart zur Sachsen-DNA.

Der Sohn Augusts des Starken scherte sich zwar nicht so sehr um die politischen Verhältnisse und sein Vater-Land geriet nie zur Großmacht. Aber er vermehrte mit gutem Geschmack die Kultur und entwickelte Sachsen, im guten Einvernehmen mit seiner österreichischen Frau, zu einer Schatzkammer von europäischer Dimension.

Von Peter Ufer