Neues Gold im
Dresdner Schloss

Alles bisher Dagewesene wird in den Schatten gestellt

Im September werden die Paraderäume im Dresdner Schloss wiedereröffnet. Dafür muss sogar die sächsische Geschichte umgeschrieben werden.

Wenn Zwei sich streiten, entsteht mitunter Märchenhaftes. Wie 1719 in Dresden, als Sachsenherrscher Friedrich August I. – der sich gern „der Starke“ nennen ließ – zuvor regelmäßig mit seinem „Bauminister“ August Christoph von Wackerbarth diskutierte. Es ging um den Umbau des nach einem Brand lange Jahre leerstehenden zweiten Obergeschosses im Residenzschloss an der Elbe, das für die Hochzeit des Kurprinzen – Augusts einzigen offiziellen Sohn – mit der Habsburger Prinzessin Maria Josepha zum Märchenschloss werden sollte. Und wurde! Wie Dr. Sabine Schneider verrät.

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Die Kunsthistorikerin leitet die detailgenaue Rekonstruktion der durch die Bomben des 13. Februar 1945 zerstörten historischen Paraderäume, durch die der sächsische Kurprinz Friedrich August und seine Habsburger Prinzessin 1719 beklatscht und bestaunt vom europäischen Adel schritten. Diese spektakulären Räume sollen Ende September wieder zeigen, was die 1719 aus ganz Europa angereisten adeligen Gäste bei dieser „Traumhochzeit des Jahrhunderts“ zu sehen bekamen. Denn das stellte alles bisher Dagewesene in den sprichwörtlichen Schatten, macht Sabine Schneider deutlich.

HIER IST WIRKLICH ALLES GOLD, WAS GLÄNZT!

An den Wänden drängten sich teuerste Samttapeten, vergoldeter Stuck und Türrahmen aus Marmor. In den Räumen, auf Vorhängen und Sitzmöbeln funkelten unter anderem 250 Meter Goldbrokat, 3.500 Meter Goldtressen sowie Hunderte Kilogramm vergoldeter Silberfäden, die aufwendig verwebt wurden. „Und das alles nur zu Schauzwecken“, sagt Sabine Schneider – zwischen langen weißen Tüchern, die von der gut 20 Meter hohen Decke hängen. Geschützt durch diese Tücher warten hier die fertigen, mit Goldfäden versetzten Textilien auf ihren Einsatz. Dann werden sie wieder zur atemberaubenden Kulisse in den Räumen, in denen es derzeit noch nach frischem Putz, Holz und Farbe riecht.

Noch müssen sich die wertvollen Stoffe also gedulden. Ein wenig abseits der wuseligen Bauarbeiten, in einem eher an einen Malsaal für Theaterkulissen erinnernden Raum voller bedeutungsschwerer Ruhe. Mittendrin näht und fädelt Julia Modest aus Paris. Seit 2015 ist die Expertin für das Dekorieren historischer Stoffe in Dresden, um mitzuhelfen, der Welt dieses glänzende Wunder im Residenzschloss zurückzugeben. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ulrike Müller vernäht sie dabei Samt an Samt und Goldfaden an Goldfaden. Und sind Beispiel für das europäische Projekt, zu dem das Ganze längst geworden ist. Etliche der im Original erhalten gebliebenen –  und nach 1943 im Schloss Rammenau bei Dresden vor Kriegsbomben geschützten – Posamenten werden beispielsweise in Wien restauriert. Samte kommen wie einst aus Genua, Florenz und Venedig. „Wir rekonstruieren die Stoffe fadengenau“, beschreibt Sabine Schneider. Heißt, auch auf die historische Technologie zurückzugreifen. „Goldfäden weben können nur noch einige wenige Manufakturen unter anderem in Frankreich, wir bekommen sie aus der Nähe von Lyon.“

Wenn sie all das erzählt, kommt die Kunsthistorikerin so wunderbar ins Schwärmen. Seit 2007 arbeitet sie mit ihrem Team daran, die Paraderäume wiederherzustellen. Auf ihrem Tablet – das stets griffbereit ist – kann Sabine Schneider diesen ganz besonderen Weg bereits wieder gehen. Den Weg, den vor 300 Jahren das Brautpaar durch das „Märchenschloss“ gegangen ist. Sie sieht die Räume bis ins kleinste Detail vor sich. Historische Fotos, Zeichnungen, „wir wissen sehr genau, wie alles ausgesehen hat“. Und wie es schon bald wieder aussehen wird. Es ist der Weg, den bald auch die Besucher gehen werden. Durchs sogenannte Grüne Tor an der Hofkirche rollte die Kutsche mit Maria Josepha auf den Schlosshof. Hier wartete der Kurprinz, unter dem Jubel der Höflinge ging es die breite „Englische Treppe“ im Ostflügel hinauf, durch den Riesensaal ins Riesengemach, im Turmzimmer protzte der wettinische Silberschatz. Es folgte der Steinerne Saal, bis das Paar letztlich in den Paraderäumen anlangte, wo es August der Starke und seine Frau Eberhardine empfingen. Und überall drängten sich die adeligen Gäste. Es war eine wirkliche Parade. Eine Parade der Superlative, jeder neue Raum setzte einen noch glänzenderen Akzent. Schwerer, frei hängender Samt an den Wänden, schwere Goldstickerei … Hier war wirklich fast alles Gold, was glänzte, sagt Sabine Schneider in Anspielung auf ein bekanntes Sprichwort.

AUGUST DER STARKE LÄSST SICH ÜBERREDEN

Vorausgegangen war der erwähnte monatelange Disput, ein zähes Ringen: Denn während Sachsenherrscher August der Starke eher an den Hof des französischen Sonnenkönigs schaute, blickte Wackerbarth pragmatischerweise nach Wien. Und musste dabei durchaus hart im Nehmen sein, ist in den erhaltengebliebenen Briefen zu lesen. Die schweren Samtstickereien, kritisierte August beispielsweise den Vorschlag Wackerbarths, würden aussehen wie alte Kleider und seien außerdem noch teuer. „Aber die Briefwechsel zeigen auch, dass sich August und Wackerbarth letztlich stets einig wurden“, weiß Dr. Schneider. Schließlich war das Ziel der beiden dasselbe: Sie wollten die Gäste beeindrucken.

„Die Kulisse für das Zeremoniell war perfekt eingerichtet“, beschreibt die Kunsthistorikerin. Neben dem erwähnten „Show-Wert“ sah August darin wohl vor allem eine Wert-Anlage. „Und viele der Einrichtungsgegenstände lagerten dabei schon seit Jahren in der Schatzkammer.“ Gut 80 Prozent der Stickereien beispielsweise waren bereits 1711 in Paris gekauft worden. Also acht Jahre vor der Hochzeit. „August der Starke plante langfristig und perfekt.“ Auch diese Aufarbeitung gehört zur Arbeit Sabine Schneiders. Und ein Stück weit wird von ihr nun auch die sächsische Geschichte umgeschrieben. Denn was hier 1719 in Dresden als Prunkshow über die europäische Bühne ging, hatte viel mit einem Mann aus Leipzig zu tun: dem Kaufmann Andreas Dietrich Apel. Der tauchte zwar im Zusammenhang mit dem Dresdner „Hochzeitsschloss“ schon seit jeher in den Geschichtsbüchern auf, „aber in ganz anderer Rolle“. Als Stoffhändler nämlich. „Aber ich kann jetzt belegen, dass Apel die Stoffe, den Goldbrokat beispielsweise, für das Paradeschlafzimmer nahezu komplett in Leipzig produziert hat“, verweist die Kunsthistorikerin auf ihre neuen Erkenntnisse. „Was ja auch ein wichtiger Beleg für das Können und die Kunst der sächsischen Textilhandwerker ist!“ Am Leipziger Stadtrand hatte Apel eine Art Gartenpalais, „mit angeschlossenen Manufakturen“. Bei den Messe-Besuchen des sächsischen Herrscherpaares in Leipzig hatte August der Starke stets im Haus Apels am Markt genächtigt, seine Frau Eberhardine hingegen bevorzugte das Apelsche „Gartenparadies“. Vielleicht warf sie ja dabei auch den einen oder anderen Blick auf die Stoffe?

Es ist jedenfalls ein auch sächsisches Märchenschloss, das ab Ende September nach Dresden zurückkehren wird.

Von Jens Fritzsche

Der gestiefelte König – August der Starke

In diesen Schuhen wurde August der Starke zum polnischen König und er trug sie auch zur Hochzeit seines Sohnes. Jetzt gibt es sie doppelt.

August der Starke lebte auf relativ kleinem Fuß. Die Schuhe des Kurfürstkönigs maßen schließlich einst nur die Größe 40. Der Mann, der im Tierkreiszeichen des Stiers auf die Welt kam und sich selbst für den Größten hielt, wollte allerdings gern breitere Spuren hinterlassen und wünschte sich deshalb Schusters Rappen in überragender Qualität.

 

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Letzte Exemplare aus dem fürstlichen Schuhschrank existieren noch in der Dresdner Rüstkammer. Die Paare sind jedoch ziemlich abgelatscht und außerdem zerbrechlich. Deshalb gaben die Staatlichen Kunstsammlungen den Dresdner Maßschuhmachern Alexander Preiß und Christian Legler den Auftrag, jene Stiefel, die der oberste sächsische August 1719 trug, nachzubauen. Das rekonstruierte Schuhwerk soll ab September in den Paraderäume des Residenzschlosses gezeigt werden. Die Exponate gehören dann zur Ausstellung, die die originale Garderobe August des Starken präsentieren, die dieser zu seiner Krönung 1697 sowie zur Hochzeitsfeier des Kurprinzen, aber auch zu anderen festlichen Gelegenheiten trug – ein weltweit einzigartiger Schatz barocker Textilkunst und europäischer Herrschaftsgeschichte.

ZWEI GLEICHE EXEMPLARE FÜR LINKS UND RECHTS

Die beiden Handwerker nahmen den Auftrag freudig an, ohne jedoch zu ahnen, dass dieses feine Schuhgeschäft sie über ein Jahr in Anspruch nehmen sollte, und sie Nachhilfe im Fach Archäologie nehmen mussten. Sie kramten in der Geschichte der Schuster und erforschten anhand der historischen Exemplare, wie ihre Vorfahren vorgingen. „Vor 300 Jahren stellte man Schuhe ganz anders her, als wir heute. Das mussten wir lernen“, sagt Alexander Preiß. Er vermaß zunächst die alten herrschaftlichen Bodden und stellte fest, dass damals nicht zwischen rechtem und linkem Schuh unterschieden, sondern zwei gleiche Exemplare für beide Füße hergestellt wurden. Außerdem modellierten die Schuhmacher damals keinerlei anatomische Formen, sondern tonnenähnliche Schäfte. „Das Bein formte den Schuh, nicht der Schuhmacher“, sagt Preiß. Ein weiterer Unterschied zwischen gestern und heute besteht darin, dass die Absätze nicht aus übereinander

liegenden Schichten von Leder gebaut, sondern Lederstreifen hochkant als Absatz angenäht wurden. Wie, das musste der Dresdner ebenfalls lernen, denn in diesem Winkel mit einer Ahle zu nähen, hatte er bisher nicht probiert.

Als größte Herausforderung empfanden er und sein Kollege allerdings das Obermaterial. Bisher arbeiteten die Handwerker vor allem mit Leder, bei Augusts Stiefeln handelte es sich innen um Lederfutter, aber außen um feinstes Seidengewebe, dessen Schussfaden mit einem Silberband umwickelt ist. „Eine unglaubliche Millimeterarbeit, da kostet der Quadratmeter um die 1 000 Euro“, sagt Preiß. In Europa existiert nur noch eine Weberei in Frankreich, die diese Webkunst beherrscht. Und dort kommt der Stoff auch her.

„Jede Berührung des Obermaterials hinterlässt Flecke. Wir tragen deshalb bei der Arbeit weiße Handschuhe, schützen das Gewebe mit Folie. Es darf weder mit Kleber noch mit Wasser in Berührung kommen, sonst beschlägt es sofort oder geht kaputt“, sagt Alexander Preiß. So benutzt er keinerlei Kleber, näht alle Einzelteile mit der Hand zusammen, ohne dass er sie im Prozess der Arbeit anpassen kann. Alles musste vorab angefertigt werden und dann passen. Beide Schuhmacher erlangten während der Arbeit enormen Respekt vor ihren Kollegen von damals. Allerdings haben sie die Stiefel anatomisch ausgebildet, denn in der Ausstellung trägt sie nicht der wahre August, sondern eine Figur, deren Beine eine menschliche Form besitzen. In jedem Fall aber strahlen die Stiefel in überragender Qualität, genauso, wie es sich der Kurfürst einst gewünscht hatte.

Von Peter Ufer