Exklusive Einblicke
Schloss HubertUsburg

Das vergessene Fürstenschloss ist zurück

Vergessenes Fürstenschloss und ein Ort, an dem europäische Kultur-Geschichte geschrieben wurde: Hubertusburg. Nun kehrt es zurück. Mit einer spannenden Schau.

Das Herrscherpaar ist zurück auf seiner Lieblingsresidenz. Auf Schloss Hubertusburg in Wermsdorf. Eine multimediale Inszenierung macht es möglich, dass Sachsens Kurprinz Friedrich August II. und die österreichische Kaisertochter Maria Josepha nun quasi ihre Hochzeit noch einmal feiern können. In der noch bis Oktober laufenden Sonderausstellung rund um die Hochzeit, die 1719 vier Wochen lang gefeiert worden war. Und es war ein Spektakel, es war tatsächlich die „Traumhochzeit des Jahrhunderts“ und die können die Besucher in einem Raum erleben, der Dank modernster Technik zum Festsaal wird. An die Wände gebeamte Scans von Gemälden und Kupferstichen lassen die Szenerie wieder lebendig werden.

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Und überhaupt ist es eine begeisternde Ausstellung. Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden aus dem etliche der Ausstellungsstücke stammen, kam bei der Eröffnung der Schau in Hubertusburg jedenfalls hörbar ins Schwärmen: „Was wir hier machen ist, in Sachsen verborgene Schätze zu heben – ja Europas verborgene Schätze zu heben, denn es ist ein europäischer Kulturort, den wir hier haben.“ Und in der Tat war die Hochzeit 1719 ein europäisches Projekt. „Dabei ging es nicht nur darum, den Machtanspruch zu demonstrieren, sondern das hatte vor allem eine kulturelle Dimension“, ist Dirk Syndram überzeugt. „Sachsen öffnete sich und lud die damalige Welt ein.“ Wobei die Hochzeit sozusagen der Start war, denn das künftige Herrscherpaar hielt dieses Projekt zeitlebens hoch. Und das nicht nur in der Residenz in Dresden, sondern eben auch in ihrem Lieblingsschloss, in Hubertusburg. „Hier nach Hubertusburg kamen angesehene europäische Musiker und Künstler – heute würde man sagen, das Paar hat die Kunst aufs Land gebracht“, so Syndram augenzwinkernd. Seit 1736 gab es hier gar ein Opernhaus. Meist im Herbst wurde Hubertusburg zur sächsischen Residenz, „mit Festen und musikalischen Aufführungen; ein Zentrum von Kunst und Kultur“.

Einen ersten Schritt, diesen europäischen Kulturort Hubertusburg nun wieder zurückzuerobern, geht Sachsen mit der derzeit laufenden Sonderausstellung. Modern und spannend. Lehrreich, ohne erhobenen Zeigefinger. Große Historie, modern inszeniert.

Von Jens Fritzsche

 

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Die Ausstellung auf Schloss Hubertusburg läuft noch bis zum 6. Oktober. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr. Eintritt: 7 Euro (ermäßigt 5 Euro), Kinder bis 16 Jahre frei.

www.schloesserland-sachsen.de

Geschichten aus dem Fürstenleben in Sachsen

Kurator Stefano Rinaldi zeigt einige seiner Lieblingsobjekte aus der Sonder-Ausstellung zur Traumhochzeit 1719 auf Schloss Hubertusburg.

Geschenk zur Verlobung

Zwischen den großformatigen Schätzen des Grünen Gewölbes oft übersehen, hat er in Wermsdorf den Ehrenplatz inne: der Anhänger mit dem Emailbildnis des Kurprinzen Friedrich August. Denn als offizielles Verlobungsgeschenk an Maria Josepha besitzt er nicht nur materiellen und künstlerischen, sondern auch dynastischen und zeremoniellen Wert. Überreicht wurde das Medaillon von Georg Friedrich Dinglinger eine Woche vor dem Hochzeitstermin – und natürlich nicht ohne Zustimmung der kaiserlichen Verwandtschaft der Braut. Diese war zuvor vom sächsischen Minister Jacob Heinrich Graf von Flemming eingeholt worden.

Kennengelernt hatten sich die Brautleute am Wiener Hof, dem krönenden Abschluss von Friedrich Augusts Kavalierstour durch Europa – und sie nahmen zusammen am Hofleben teil. Ihrer gemeinsamen Tochter war das später nicht vergönnt: Maria Amalia, deren Vermählungsmedaillon im letzten Raum zu sehen ist, begegnete ihrem Bräutigam erst nach der Stellvertreterhochzeit.

Ereignis fürs Auge

Wie kaum ein anderes Objekt zeigt die Sänfte, dass das Erscheinen des Königs ein Ereignis fürs Auge war. Ihre Wände sind bedeckt mit hochkarätiger Malerei von Christian Wilhelm Ernst Dietrich: In Allegorien preist sie Friedrich August II. als Herrscher über Sachsen und Polen sowie als Förderer von Wissenschaft und Kunst. Durch die Goldschicht zwischen Holz und Farbe wirkt die Sänfte fast wie eine Goldschmiedearbeit.

Zwar ist nicht bekannt, wann und wie oft diese Sänfte zum Einsatz kam, doch sicher ist, dass sie der König persönlich bei besonderen Anlässen nutzte. Getragen wurde sie dann von zwei Heiducken – kräftigen Lakaien in altungarischer Soldatentracht. Für die Ausstellung auf Schloss Hubertusburg fand Stefano Rinaldi das höfische Repräsentationsobjekt in Moritzburg. Dort wird sie aus konservatorischen Gründen vorübergehend nicht in der Dauerausstellung gezeigt, sondern ist im Depot verwahrt.

Diplomatisches Meisterstück

Anders als August der Starke, der meist allein in Erscheinung trat, inszenierte sich sein Sohn als Familienmensch mit vielen Kindern. Und der Nachwuchs war ein geopolitisches Kapital: Unter der geschickten Führung des Grafen Heinrich von Brühl war die sächsische Außenpolitik stark auf strategische Hochzeiten fokussiert. Sie sollten Allianzen stärken und den Einfluss in Europa vergrößern.

Brühls diplomatisches Meisterstück gelang 1747, als er eine ebenfalls Maria Josepha genannte Tochter des sächsischen Regentenpaares unerwartet mit dem französischen Thronfolger – dem Dauphin – verheiratete. Als Dank bekam Brühl die Elfenbein-Allegorie, die einen nackten Jüngling mit den Wappen von Sachsen-Polen und Frankreich zeigt. Je länger man hinschaut, so Rinaldi, desto mehr Delfine entdeckt man an der vermutlich aus Dieppe stammenden Figur. Nach Brühls Tod gelangte sie ins Grüne Gewölbe.

Von Birgit Hilbig

Gebaut von Silbermann

Eigentlich war das Cembalo gar nicht erste Wahl, als es um die Illustration des Musiklebens am Hof Friedrich Augusts ging. Doch dann erwies sich das zweimanualige Instrument aus dem Pillnitzer Kunstgewerbemuseum als musealer Glücksgriff: Denn es steht nicht nur für die profane Musik des 18. Jahrhunderts, sondern schlägt über seinen Erbauer auch einen Bogen zur religiösen. Schließlich ist Gottfried Silbermann in erster Linie für seine Orgeln berühmt.

Im (Opern-)Orchester der damaligen Zeit waren Cembali tragende Elemente: Hofkomponist Johann Adolf Hasse spielte bei Aufführungen sogar höchstselbst. Und angeblich sind die bekannten Goldberg-Variationen von Bach ausdrücklich für ein zweimanualiges Cembalo von Silbermann geschrieben. Was genau auf dem gezeigten Instrument erklang, ist leider nicht überliefert – doch es ist eins von nur drei erhaltenen Silbermann-Cembali.

Für den finalen Stoß

Neben der Musik liebten Friedrich August und Maria Josepha vor allem die Jagd: Ganz Hubertusburg ist für die Parforcejagd konzipiert. Bei dieser extrem aufwendigen Variante hetzt die ganze Gesellschaft mitunter tagelang einen einzigen kapitalen Hirsch – bis dieser erschöpft zusammenbricht und mit dem Hirschfänger den finalen Todesstoß erhält. Ausführen durfte ihn natürlich kein anderer als der Jagdherr.

Zwei besonders wertvolle Hirschfänger sind im vierten Raum der Ausstellung zu sehen: einer mit einem Griff aus Meissener Porzellan und einer mit einem Griff aus geschnittenem Achat. Geschmückt sind beide selbstredend mit Jagd- und Wildszenen. Während ersteres Exemplar erst relativ spät für die Rüstkammer erworben wurde, könnte das mit dem Achatgriff tatsächlich in Wermsdorf benutzt worden sein.

Die Zukunftspläne für Sachsen: Begehbare Gemäldegalerie

Wenn ein Finanzminister bei einem solchen Projekt ins Schwärmen kommt, dann muss es wirklich ein ganz besonderes Bauwerk sein, in das demnächst sächsische Mittel fließen werden. Das „sächsische Versailles“, sagt Sachsens Finanzminister Matthias Haß (CDU), wenn er von Europas größtem Jagdschloss –  Schloss Hubertusburg – spricht. Und er legt sich schon mal fest: „Das Schloss soll wieder zu einem Kunst- und Kulturzentrum des Landes werden!“ Der Freistaat arbeite deshalb an einem Konzept „für eine dauerhafte Nutzung der Riesenanlage“, verriet der Minister jüngst bei der Einweihung der Sonderausstellung rund um die Traumhochzeit, die noch bis Oktober im Schloss Hubertusburg zu erleben ist. Und nennt dann auch eine der möglichen Nutzungsideen für das Schloss, eine spektakuläre: „Wir prüfen die Einrichtung eines Schaudepots der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.“ Sind hier in Hubertusburg also bald beispielsweise bisher verborgene Schätze der berühmten Dresdner Gemäldegalerie zu sehen? „Wir suchen dringend seit Jahren ein Zentraldepot für unsere 15 Sammlungen“, so Generaldirektorin Marion Ackermann. „Die Fülle, die wir nicht zeigen können, gehört ja den Menschen.“

Sachsens Schmuckstück des Rokoko

Regierungsbaumeister Ingo Fischer kennt jede einzelne Treppenstufe von Schloss Hubertusburg. Vor allem wünscht er sich, dass sie von vielen Besuchern genutzt werden.

Auf den preußischen Offizier Quintus Icilius ist Ingo Fischer nicht wirklich gut zu sprechen. Auch 260 Jahre später nicht. Ingo Fischer, Regierungsbaumeister beim Staatsbetrieb Sächsisches Baumanagement, ist augenzwinkernd gesagt „Herr von Schloss Hubertusburg“ in Wermsdorf bei Oschatz. 

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Und besagter preußischer Offizier hatte 1761 dafür gesorgt, dass dieser bis dahin so stolze Rokoko-Prachtbau –  das Lieblingsschloss des sächsischen Herrscherpaares Friedrich August und Maria Josepha – komplett geplündert wurde. Auf ausdrückliches Geheiß des Preußenkönigs Friedrich II. übrigens, der im Laufe des Siebenjährigen Krieges Sachsen besetzt hatte. „Möbelstücke, Porzellan, Kunstwerke, Leuchter, Gobelins, Parkett, Tapeten, Beschläge, die Turmuhr, die Glocken, die Kupferdächer, die Schlossbibliothek“, zählt Ingo Fischer auf, was die Preußen damals fortschleppten.

Es ist nur eine von zahllosen Geschichten, die Ingo Fischer über „sein“ Schloss erzählen kann, für dessen Sanierung er zuständig ist. „Wir müssen hier Nutzungen reinbringen“, sagt er zu zwei Vertretern vom Landesamt für Denkmalpflege, die gerade prüfen, ob sie die Bauteile-Sammlung des Amtes in der Brühlschen Scheune unterbringen könnten, die zum riesigen Schloss-Areal gehört. Genügend Platz gäbe es schon mal.

Vielleicht auch bald Geld. Das soll nach Hubertusburg fließen und Wermsdorf aus seiner Beschaulichkeit holen. Ein Ort, eingerahmt von hochfliegenden Schwalben und den alten Bäumen des Schlossparks. Zu beschaulich nach dem Geschmack von Ingo Fischer: „Wir brauchen hier Anreize zum Schauen, zum Erleben!“ Denn dieses Schloss im mittelsächsischen Flachland ist es wert, ein Publikum zu haben. Auch wenn den großen Saal des Nordflügels noch braunorange Tapetenmuster aus den 1970er Jahren zieren oder handgemalte Schildchen an vier Meter hohen Flügeltüren auf „Raucherzimmer“ verweisen – Relikte des Klinik-Komplexes, der hier zu DDR-Zeiten untergebracht war. Zurzeit lässt Sachsens Finanzministerium in einer Machbarkeitsstudie prüfen, wie die Anlage mit ihren 12.000 leerstehenden Quadratmetern genutzt werden könnte. „Es braucht ein langfristiges Konzept, um Hubertusburg nachhaltig zu beleben“, kündigte Ministerpräsident Michael Kretschmer im April zur Eröffnung der noch bis Oktober hier laufenden Sonderausstellung „Das verlorene sächsische Rokoko“ an. Kulturelles Zentrum, sächsisches Humboldt-Forum – an Verheißungen fehlt es nicht. Doch was hat es mit Hubertusburg überhaupt auf sich?

Hubertus ist der Schutzheilige der Jäger. Das erklärt sowohl den Namen als auch die Tatsache, warum Sachsenherrscher August der Starke entschied, seinem Sohn im mittelsächsischen Flachland ein „sächsisches Versailles“ anlegen zu lassen, wie es Dirk Syndram schwärmerisch nennt, der Chef des Dresdner Grünen Gewölbes, aus dem hier nun einige Stücke in der Sonderschau zu sehen sind. Das Gelände war ideal für die Parforcejagd, die im Barock die Funktion einer heutigen 100-Meter-Yacht erfüllte: Zeit so teuer, aufwendig und elitär wie möglich zu verbringen, beschreibt Ingo Fischer, der mit seinem hochgezwirbelten Schnurrbart selbst perfekt ins Bild einer barocken Jagdgesellschaft passt. Aber er ist vor allem eines: leidenschaftlicher Sanierer historischer Gebäude. Und weiß natürlich um die Leistungen seiner sozusagen Vor-Vorgänger.

Zunächst hatte August der Starke seinen Obristen Johann Christoph von Naumann 1721 angewiesen, das alte Jagdschloss aus dem wettinischen Familienbesitz zum Hochzeitsgeschenk zu ertüchtigen. Denn der Kurprinz Friedrich August heiratete mit Maria Josepha nicht nur die Habsburger Kaisertochter, sondern auch eine passionierte Jägerin: „Sie soll bei jeder Ausfahrt eine Armbrust dabeigehabt haben“, kennt Ingo Fischer auch diese Geschichte. Wie er quasi jeden Nebensatz kennt, der jemals im Zusammenhang mit Hubertusburg fiel: „Zur besseren Bequemlichkeit des Kurprinzen“ projektierte Naumann in Wermsdorf im großen Stil. Schlossküche, Bäckerei, Schmiedehof, Kasernenbauten, Pferdeställe, Hundeställe waren nur Funktionsbauten. Als Hauptdarsteller wurde das alte Jagdpalais ergänzt, bezugsfertig um 1727. „Friedrich August und Maria Josepha verbrachten ihre ersten Ehejahre hier sehr glücklich“, weiß Fischer. Sie nutzten das Schloss regelmäßig, bis August der Starke 1733 starb und Friedrich August seine Nachfolge als Kurfürst in Dresden und König von Polen in Warschau antrat.

Aber Hubertusburg blieb dennoch regelmäßige Residenz, das Paar war jedes Jahr etliche Monate hier. „Das Schloss ließ der Kurfürst zum Höhepunkt der absolutistischen Architektur in Sachsen ausbauen.“ 1736 beauftragte Friedrich August seinen Oberlandesbaumeister Johann Christoph Knöffel mit den Planungen eines neuen, fast 100 Meter langen und 80 Meter breiten Schlosses. Knöffel gilt nicht grundlos bis heute als Begründer des sächsischen Rokoko. Und so zeugen hier noch immer kunstvoll konvex-konkav geschwungene Treppendetails von Knöffels Gespür für Harmonie und Drama. Wer sich jemals gefragt hat, warum Dresden so viel Barock, aber so wenig Rokoko hat: In Schloss Hubertusburg wäre es gewesen.

Und damit ist Ingo Fischer wieder bei der Plünderung 1761, nur 25 Jahre nach Knöffels ersten Planungen. Das Herrscherpaar war schon 1756 letztmals hier, sah sein Lieblingsschloss nie wieder. Außer der katholischen Kapelle, die die Preußen nicht antasteten, hat nur ein einzelner Saal zumindest Teile des Rokoko-Stucks bewahrt. Und damit eine leise Ahnung, mit welch sorgloser Verspieltheit hier einst Hof gehalten wurde.

Von Siri Klose

Ein erster Schritt, diesen europäischen Kulturort Hubertusburg nun wieder zurückzuerobern, geht Sachsen mit der derzeit laufenden Sonderausstellung. Modern und spannend. Lehrreich, ohne erhobenen Zeigefinger. Große Historie, modern inszeniert.

Von Jens Fritzsche

 

Weitere Informationen erhalten Sie hier:

Die Ausstellung auf Schloss Hubertusburg läuft noch bis zum 6. Oktober. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr. Eintritt: 7 Euro (ermäßigt 5 Euro), Kinder bis 16 Jahre frei.

www.schloesserland-sachsen.de